Meine Frau liest jetzt ein Buch

Meine Frau liest jetzt ein Buch.
Das ist sehr bedenklich,
dass meine Frau jetzt
ein Buch liest.
Sie liest sonst nie Bücher.
Höchstens Zeitschriften, aber un-
regelmäßig, und eine Tageszeitung,
nachdem ich sie gelesen habe.
Meistens erzähle ich ihr gleich,
was drinsteht. So spart sie sich
die Mühe und hat mehr Zeit
für die Hausarbeit.

Ein Buch, das ist natürlich
etwas anderes. Ich frage mich,
wie sie darauf kommt, jetzt,
nach all den Jahren,
wo es auch ohne ging.
Irgend etwas muss sich
geändert haben. Hinter meinem
Rücken. Unmerklich. Aber was?
Als wenn sie bislang
nicht auch ohne Buch
zufrieden gewesen wäre.
Wer hat ihr nur
diesen Floh ins Ohr
gesetzt, gerade jetzt
ein Buch zu lesen?

Ich meine, wir haben keine
Geheimnisse voreinander.
Jeder kann tun und
lassen, was er will.
Wir führen eine offene
Ehe, sozusagen. Jeder respektiert
die Bedürfnisse, sozusagen,
auch des anderen. Fragt sich nur,
ob das wirklich ihr Bedürfnis ist,
so plötzlich, nach all den Jahren
lektürelosen Glücks.

Da stimmt doch was nicht.
Das kann doch nicht ihr Ernst sein.
Das hätt´ ich doch merken müssen,
dass da ein Bedürfnis in ihr
schlummert, ein zarter Wunsch, der nur
geweckt werden will. Dafür
bin ich doch schließlich da.
Oder?

Was ist das überhaupt für ein Buch?
Egal! Buch ist Buch. Ich habe ja auch
schon welche gelesen. Bücher
haben manchmal eine
merkwürdige Anziehungskraft.

Aber es fehlt ihr doch nichts
bei mir. Ich saufe nicht, ich
gehe nie fremd, bin meinen Kindern
ein fürsorglicher Vater. Was
will sie denn noch?

Wir gehen hin und wieder
zusammen essen, erlauben uns
einen Urlaub im Jahr, haben
Freunde gewonnen, mit denen wir
regelmäßig, einmal in der Woche
Karten spielen, kurz:
Es fehlt uns an nichts.

Natürlich haben wir noch
ein paar Wünsche offen. Ich
würde mir z.B. gern einen
Flachbildschirm kaufen. Aber
den will sie gar nicht. Da kann sie
drauf verzichten, sagt sie.
Und jetzt das: Ein Buch, mein Gott!

Man kann es ihr ja
nicht einfach wegnehmen.
Madigmachen habe ich schon
versucht, so kleinere Scherze:
Ob sie jetzt eine Intellektuelle
werden wolle. Das fand sie
nicht witzig. Naja, ist wohl auch
zu weit hergeholt gewesen.

Ich hätt´ ja auch gar nichts
gegen das Buch, wenn es nicht,
wenn es nicht… grad ein Buch wär.
Ich meine, wir könnten ja auch
mal wieder so richtig schön
ins Kino gehn.

Das ist doch ganz etwas anderes,
als wenn man immer vor der
doofen Glotze hockt. Bequemer
ist es ja. Aber mit einem Kinobesuch
doch nicht zu vergleichen.
Es muss ja nicht gleich
ein Pornofilm sein. Es gibt ja
noch andere Filme. Künstlerisch
wertvolle. Mir fällt im Moment
keiner ein. Aber es ist ja bekannt,
dass es so etwas gibt. Mit diesem
Siegel, wie heißt es doch gleich?
Prädikat wertvoll. Genau!

Ich werde meine Frau
heute fragen, ob sie Lust hat,
mit mir ins Kino zu gehen. Da
werde ich ja sehen,
ob ihr wirklich so viel
an diesem Buch liegt.
Und wenn das nicht hilft,
werde ich sie zur Rede stellen.
Dann muss sie sich entscheiden:
Entweder das Buch oder ich.
Der tote Buchstabe oder
ein lebendiges Wesen. Sehr gut!
Da kann ihr die Entscheidung
nicht mehr schwer fallen,
und ich bin aus dem
Schneider.

Wär doch gelacht, wenn man
als Mann nicht einmal mehr
mit einem Buch konkurrieren könnte.
Da kann man sich ja gleich
eine Kugel…

Nein, nein, nein, soweit
lassen wir es gar nicht erst
kommen. Ich lass mir meine Ehe
doch nicht von einem Buch
kaputtmachen. Ich bin ja sonst
nicht kleinlich, aber in dem Fall
kenn ich kein Pardon. Notfalls
wird das Buch verbrannt. Schließlich
bin ich auch nur ein Mensch!
(Dies ist ein vom Süddeutschen Rundfunk
preisgekrönter Beitrag) SZ v. 10./11.10.98

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